Schlaf und Alzheimer-Krankheit

Alzheimers

Dr. Jean-Yves Sovilla

FMH Facharzt für Neurologie, Centre de Médecine de l’Eveil et du sommeil (Medizinischen Zentrum für Schlaf-Wach-Medizin), Clinique de Genolier, Genolier

Juni 28, 2022

Die Alzheimer-Krankheit ist eine Form der Demenz, die direkt mit unserem Gedächtnis zusammenhängt. Sie ist die häufigste Form der Demenz und macht zwischen 60 und 80 % aller Demenzfälle aus. Da es sich um eine fortschreitende Krankheit handelt, verschlimmert sie sich im Laufe der Zeit. Es scheint einen Zusammenhang zwischen Schlaf und Alzheimer-Krankheit zu geben. Amyloid wird im Schlaf ausgeschieden, und eine kurze Schlafdauer bedeutet ein erhöhtes Demenzrisiko. Die Alzheimer-Krankheit ist derzeit nicht heilbar, aber es gibt eine Behandlung, die darin besteht, das Amyloid vollständig zu entfernen.

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, lesen Sie den Artikel von Dr. Jean-Yves Sovilla weiter.

Die Alzheimer-Krankheit zeichnet sich durch einen fortschreitenden Befall des Gehirns aus, hängt aber selten von genetischen Vorbedingungen ab. Sie hängt meistens vom Alter und einer Reihe persönlicher, lebensweisebedingter und umweltbedingter Risikofaktoren ab.

MOLEKULARE UND ZELLULÄRE MECHANISMEN

Degenerative Hirnerkrankungen sind prinzipiell an eine Veränderung der Proteine gebunden. Diese Proteine werden als Folgeerscheinung eines «Konstruktionsfehlers» unzerstörbar. Normalerweise werden Proteine nach dem «Rezept», das in den Genen verankert ist, hergestellt, erfüllen ihre Funktion, und werden dann in kleine Stücke geschnitten: von einem spezifischen Enzym, das sich an dieses Protein heftet, um es mit einer chemischen Reaktion zu zerstören. Beide Moleküle müssen zusammenpassen wie ein Schlüssel ins Schloss. Wenn das Protein auch nur ein bisschen verformt ist, wird die chemische Reaktion unmöglich, das Protein wird nicht beseitigt, sondern weiterhin produziert. Dann bildet es giftige Ansammlungen. Bei Alzheimer werden zwei anormale Proteine produziert: in der Zelle ist das tau-Protein die Ursache für die Fibrillendegeneration, und ausserhalb der Zelle findet sich das Amyloid inmitten der senilen Plaque, Ablagerungen, in denen die Axone (Filamente, mit denen sich die Neuronen verbinden, um zu kommunizieren) verloren gehen und absterben.

Heute kann man gefahrlos (und ohne die Autopsie abzuwarten!) die Anzahl der senilen Plaques mit einem PET Scan messen, dank eines radioaktiven, harmlosen Markers, der sich an diese Plaques bindet.

In der Alzheimer-Krankheit spielen die Qualität des Blutkreislaufs, der Blutdruck und der oxidative Stress eine ausschlaggebende Rolle. Der Organismus produziert aggressive Substanzen für das Gewebe: Wasserstoffperoxid H2O2, das sich in ein hochgiftiges Wasserstoffatom O und Wasser H2O spaltet, aber auch andere Moleküle wie Hypochlorit ClO («Javel»), Stickoxide NO usw. Diese Substanzen werden bei gut funktionierendem Blutkreislauf und genügender Vitamin- und Spurenelemente-Aufnahme durch die Nahrung schnell ausgemerzt. Wenn sie aber bestehen bleiben, greifen sie die Zellen an und provozieren Mutationen, wie solche, die Krebs auslösen.

Oxidativer Stress, insbesondere wenn gleichzeitig Risikofaktoren wie von Bluthochdruck und Diabetes beschädigte Blutgefässe bestehen, ist mitverantwortlich für die Veränderungen der kleinen, zentralen Blutgefässe im Gehirn, ein Phänomen, das an der Hirndegeneration teilnimmt.

In der Alzheimer-Krankheit spielen die Qualität des Blutkreislaufs, der Blutdruck und der oxidative Stress eine ausschlaggebende Rolle.

RISIKOFAKTOREN DURCH SCHLAFSTÖRUNGEN

Schlafdauer

Studien über grosse Gruppen zeigen einen Zusammenhang zwischen kurzer Schlafdauer und Demenzrisiko.

Amyloid wird beim Schlafen ausgeschieden, deswegen ist die Verbindung zwischen Schlaf und Amyloid-Ansammlung wahrscheinlich.

Um diese Hypothese zu bestätigen, wurde folgendes Experiment durchgeführt: durch Lumbalpunktion wird ein Katheter (wie für eine Periduralanästhesie) eingeführt, mit dem man den Amyloid-Gehalt messen kann. Es gibt 3 Gruppen mit Freiwilligen:

• Eine Gruppe jüngerer Personen (18-60 Jahre)

• Eine Gruppe mit Personen über 60, bei denen der PET Scan keine bedeutenden Amyloid-Ansammlungen zeigt

• Eine Gruppe mit Personen über 60, bei denen der PET Scan positiv ist für AmyloidAnsammlungen.

Das Resultat dieses Experiments bestätigt die Schlaf-Wachzyklus bedingte Fluktuation von Amyloid. Während des Schlafs fällt der Amyloid-Wert bei den jüngeren Personen deutlich ab, was bedeutet, dass das Amyloid eliminiert wird. Die Schwankungen sind etwas schwächer bei der Gruppe der Personen über 60 mit normalem PET Scan, und weisen noch niedrigere Werte bei Personen über 60 mit einem anormalen PET Scan auf. Die Interpretation geht dahin, dass die Ausweitung des Gehirns im Schlaf die Eliminierung des Amyloids möglich macht. Schlechter Schlaf, schlechter Abtransport des Amyloids.

Es wird also geschätzt, dass die Reduktion von Dauer oder Qualität des Schlafs:

• Die Reinigung des Gehirns von giftigem β-Amyloid behindert,

• Das Reparieren erschöpfter Synapsen stört,

• Den Stillstand der Synapsen (Festigung des Wissens im Langzeitgedächtnis) hindert,

• Die Ausschüttung von Wachstumshormonen bremst, die für die Regeneration des Körpers zuständig sind..

Schlaf-Apnoe-Syndrom

Die Pathologie steht im Zentrum von erhöhtem oxidativem Stress und den Konsequenzen für den Stoffwechsel, die Gefässe und das Gehirn.

Diese Pathologie entspringt Atemproblemen im Schlaf und ihrer Entwicklung im Laufe der Jahre:

• Einfaches Schnarchen, bei dem der Durchgang für die Luft hinter der Zunge schmaler wird und einen Wirbel verursacht, der das Gewebe in der Kehlröhre vibrieren lässt

• Das Syndrom des erhöhten Luftwiderstandes und der Hypopnoe im Schlaf, die zu einer Anstrengung führt, um gerade genug Luft zu haben

• Das Schlaf-Apnoe-Syndrom, bei dem die Zunge die Kehlröhre versperrt und die Luft am Zirkulieren hindert

EPWORTH SKALA

Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie in den folgenden Situationen einnicken oder einschlafen? 0 nie einnicken oder einschlafen?

1 geringe Wahrscheinlichkeit einzunicken oder einzuschlafen

2 mittlere Wahrscheinlichkeit einzunicken oder einzuschlafen

3 hohe Wahrscheinlichkeit einzunicken oder einzuschlafen

1. Im Sitzen Lesen

2. Fernsehen oder vor einen anderen Bildschirm sitzen

3. Inaktiv an einem öffentlichen Ort sitzen (z.B. Wartesaal, Theater, Kirche, etc.)

4. Als Beifahrer im Auto während einer einstündigen Fahrt ohne Pause

5. Beim Hinlegen am Nachmittag, wenn die Umstände es erlauben

6. Im Sessel nach einem Essen ohne Alkohol

7. Wenn Sie sitzen und sich mit jemandem unterhalten

8. Wenn Sie als Fahrer eines Autos verkehrsbedingt einige Minuten halten müssen

Wenn die Punkte der 8 Fragen zusammen 10 oder mehr ergeben, ist Ihre Tagesmüdigkeit erhöht. Wenn Zeugen Sie schnarchen hören, sollten Sie die Möglichkeit eines Schlaf-Apnoe-Syndroms in Betracht ziehen.

Konsequenzen der Schlaf-Apnoe:

• Abfallen des Sauerstoffgehalts im Blut, mit den schädlichen Folgen für Neuronen und das Herz-Kreislaufsystem

• Niedriger Blutfluss: das Venenblut kehrt zum Herzen zurück, wenn man einatmet, daher ungenügender Druck in den Venen: kein Atmen, kein Blutrückfluss zum Herzen

• Kurze Aufwachphase des Gehirns, damit man wieder «willentlich» atmen kann, nach einem Abfall des Sauerstoffgehalts und einer Erhöhung des Kohlendioxid-Werts

• Erhöhter Blutdruck durch Zusammenziehen der Arterien, parallele Pulsbeschleunigung unter Einwirkung des Adrenalins, um das sauerstoffhaltige Blut wieder zirkulieren zu lassen

• Erhöhte Bildung und Ausschüttung von Glukose im Blut, als Folge des Adrenalins, kann die Diabetes destabilisieren.

WANN MUSS MAN SICH SORGEN MACHEN?

Schnarchen bedeutet nicht unbedingt Schlaf-Apnoe-Syndrom: 19-37% der Bevölkerung schnarcht, 50% der Männer über 50 schnarchen, 60-70% der Schnarcher haben Apnoen.

Folgende Symptome machen eine Abklärung notwendig:

• Müdigkeitsgefühl nach dem Aufwachen trotz ausreichender Schlafdauer (= 7 Std. oder mehr)

• Gefühl eines schweren oder sogar schmerzenden Kopfes, das sich im Laufe des Tages verflüchtigt

• Schläfrigkeit tagsüber (vgl. Epworth Schläfrigkeitsskala unten)

• Arterieller Blutdruck morgens beim Aufwachen höher als abends nach dem Schlafengehen

• Ehepartner stellt Atmungsstopp fest.

EINNAHME VON SCHLAFMITTELN:

Es ist nachgewiesen, dass Langzeitverwendung von Schlafmitteln vom Typ Benzodiazepin Demenzwahrscheinlichkeit erhöht, proportional zu Dauer der Einnahme und Wirkung des Medikaments. Einige dieser Schlafmittel haben eine solche Lebensdauer, dass das Gehirn ständig unter ihrem Einfluss steht. Zum Beispiel haben bestimmte Benzodiazepine eine Halbwertszeit von 40-100 Stunden, was bedeutet, dass eine Einnahme von einer Tablette 7 Abende hintereinander der gleichen Konzentration wie 5 Tabletten auf einmal entspricht.

ZUSAMMENFASSUNG

Bei den Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, reduzieren, ist eine gute Schlafqualität wichtig. Gestörter Schlaf, sei es durch einfache Einschränkung, absichtlich oder wegen chronischer Schlaflosigkeit, sowie durch eine Krankheit wie das Schlaf-Apnoe-Syndrom, muss untersucht und behandelt werden. Und zwar schon in jungen Jahren, oder wenn sich Symptome von schlechtem Schlaf häufen. Wenn diese Symptome vorliegen, sollten Sie mit Ihrem Arzt sprechen, der Sie eventuell an ein spezialisiertes Zentrum zur Abklärung weiterleitet.

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